Über den Wert die Regeln einfach mal auszusetzen

Der Krieger schlug mit seinem gewaltigen Langschwert nach dem Drachen. Er war nur einen halben Meter von ihm entfernt und drehte ihm zudem die ungeschützte Flanke zu. Das Schwert sauste durch die Luft – er würfelte eine 20 – und der Krieger hackte sich selbst ins Bein. Fluchend und stöhnend zog der hünenhafte Mann die Klinge aus seinem Fuß und blickte nach oben. Der Drache wandte sich zur Seite und wedelte leicht mit seinem Schwanz. Eine Tonne an Echsenfeisch bewegte sich langsam, unendlich langsam auf den Krieger zu. Jahrelang hatte er auf Schiffen gegen Sklavenhändler gekämpft, war oft verwundet worden und hatte Reflexe wie eine Katze entwickelt. Er ließ sich zu Boden fallen, damit der Schwanz über ihn hinwegstrich – aber der Drache hatte eine 1 gewürfelt. Mit voller Wucht getroffen prallte er gegen eine Felswand, brach sich das Genick und war tot.

So oder so ähnlich wäre es wohl abgelaufen wenn ich als Spielleiter nicht im entscheidenden Moment (als der Drache seine 1 würfelte) „Nein“ gesagt hätte.
Ich habe die Angewohnheit aus irgendwelchen kosmischen Gründen als Meister großartig zu würfeln. Kein Spiel in dem ich noch nicht mindestens einen kritischen Erfolg hatte, welcher zu ungunsten meiner Spieler ausgegangen ist.
Aber manchmal ist es auch genug. Wenn meine Gruppe im Kampf aufgrund von Würfelpech und trotz des Einsatzes von Schicksalspunkten (=> Ressource aus DSA5 mit der man Proben wiederholen kann) Probe um Probe verhaut und ich merke, dass die Stimmung gerade extrem darunter leidet – dann pfeif ich auch mal auf die Regeln.

Mein Ziel als Meister ist es den Spielern eine tolle Zeit zu bieten. Dass sie die Geschichte erleben können, ihre Charaktere ausspielen und vor allem als Gruppe Spaß haben. Und nichts läuft dem mehr zuwider, als eine Menge dummer Zufälle, die zudem oftmals nur durch die Regeln erklärbar sind.
Die im Beispiel genannte Szene ist exemplarisch: Der Krieger ist nicht unerfahren. Er kämpfte jahrelang auf Schiffen, ist flink und hat eine Menge Erfahrung. Das er sich selbst in den Fuß schlägt ist schon schwer genug zu erklären. Aber einem wirklich langsamen Gegner nicht ausweichen zu können, obwohl er sich einfach nur fallen lassen muss, läuft mir sehr zuwider. In diesem Augenblick breche ich die Regeln.
Denn ich bin nicht der Feind meiner Spieler. Ich bin derjenige, der in diesem Moment darüber entscheidet ob sie sterben und schlecht gelaunt nach Hause gehen – oder aber gerade noch davon kommen, ihre Wunden lecken, aus den Fehlern lernen und den Drachen beim nächsten Mal mit einer Balliste statt mit einer Heugabel angreifen.

Das heißt nicht, dass die Charaktere meiner Spieler nicht sterben dürfen. Wenn derselbe Krieger der Meinung ist, dass es eine gute Idee sei bei Nacht im Sturm eine riesige Klippe zu erklettern, dann stirbt er.
Aber er stirbt nicht nur durch Würfelpech und eine stark erschwerte Probe. Er stirbt weil er sich wirklich dumm angestellt hat. Und das obwohl er wusste, dass es eine schlechte Idee war.

Zufallsproben haben ihre Berechtigung und ihren Sinn. Sie sind ein Fundament auf dem viele heutige Rollenspiele aufgebaut sind. Aber manchmal sollte man sich als Meister fragen was einem wichtiger ist: Die Regeln einzuhalten oder seinen Spielern ein tolles Erlebnis zu bieten.
Daher habt den Mut die Regeln zu biegen und zu brechen. Manchmal lohnt es sich außerhalb des Systems zu agieren.

Euer Felix

FunFact @Halmar: Der Krieger ist flink 😉

2 Kommentare zu „Über den Wert die Regeln einfach mal auszusetzen

  1. Hallo Felix,
    im vorliegenden Beispiel wäre es eleganter gewesen, die Würfel gar nicht erst rollen zu lassen. Man darf als Spielleiter eine Szene auch ohne Zufallselemente weitererzählen. Auf diese Weise kommst du nicht in Bedrängnis und entwertest nicht die Regelmechanismen.
    Grüße und weiterhin viel Erfolg mit dem Blog 🙂

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    1. Um auch mal unbemerkt manipulieren zu können, würfel ich auch meist geheim (Ich weiß, das ist oft umstritten). Wenns dann aber meiner Meinung nach nicht passt, kann ich auch mal – ohne den Spielfluss zu stören – die Reißleine ziehen.
      Vielen Dank für deinen Kommentar 🙂

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